Die Kritiker

«Tatort: Echolot»

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Wie schon vor wenigen Wochen reißt beim «Tatort» ein virtueller Assistent die Macht an sich. Gehen Stedefreund und Lürsen im Trubel unter?

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Sabine Postel («Die Kanzlei») als Hauptkommissarin Lürsen, Oliver Mommsen («Sie hat es verdient») als Hauptkommissar Stedefreund, Camilla Renschke als Kommissarin Helen Reinders, Matthias Brenner («Das Leben der Anderen») als Dr. Katzmann, Luise Wolfram als Linda Selb, Adina Vetter als Nessa, Christoph Schechinger («Starfighter») als Paul Beck, Matthias Lier («Lerchenberg») als David Arnold, Lasse Myhr («Kommissarin Lucas») als Kai Simon und weitere


Hinter den Kulissen:
Regie: Claudia Prietzel und Peter Henning, Buch: Peter Henning, Christine Otto, Claudia Prietzel und Ben Braeunlich, Musik: Andreas Weiser, Kamera: Kay Gauditz, Schnitt: Friederike Weymar, Produzent: Ronald Mühlfellner, Producerin: Christina Christ, Produktion: Bavaria Fernsehproduktion und Bremedia Produktion

Es ist sicher keine einfache Situation für Kommissare, wenn sie einer Mutter den Tod ihrer Tochter übermitteln müssen. Ohnehin nicht. Gerade deswegen braucht es wohl dunklen Humor, um darüber zu schmunzeln, wenn die scheinbar tote Tochter bei ihrer Mutter anruft – unmittelbar nach dem Moment, in dem die Polizei von dem Unfalltod berichtet hat. Die Mutter von Vanessa Arnold jedenfalls kann nicht darüber lachen. Doch die Identifizierung ist eindeutig. Nicht nur, dass Vanessas Pass bei der Leiche gefunden wurde, auch wird ihr Gesicht in der Leichenhalle eindeutig erkannt. Die Kommissare also hatten Recht – auch wenn sie sich womöglich etwas Anderes gewünscht hätten. Aber wieso kann Vanessa dann noch telefonieren, ihre Mutter hat sie doch klar erkannt?

Die Antwort auf diese Frage ist einfach und hat doch nichts mit abstrusen Halloween-Movies gemein, wie man es in diesen Tagen vermuten könnte. Es war nicht Vanessa am Telefon, aber sehr wohl ihre Stimme. Eine Software hat angerufen: Nessa. Die hat die Geschäftsfrau nicht nur vorgeschoben, wenn sie keine Zeit für Gespräche mit ihrer Erzeugerin hatte, Nessa war auch ein Geschäftsmodell. Der Computer hat sich alle Eigenschaften, sowie auch Mimik, Gestik, Sprechweise und Wortschatz von Vanessa angeeignet – Nessa ist quasi ein digitaler Klon. Mit Nessa kann man in virtuelle Realitäten eindringen, gleichzeitig ist sie auch virtueller Assistent, der einen im Zweifelsfall bei so ziemlich allem unterstützen kann. Um genau jene Nessa dreht sich der neue «Tatort» der Bremer Ermittler Lürsen und Stedefreund, der als Teil der ARD Themenwoche „Zukunft der Arbeit“ ausgestrahlt wird.

Steckbrief

Frederic Servatius schreibt seit 2013 für Quotenmeter. Dabei ist er zuständig für Rezensionen und Schwerpunktthemen. Wenn er nicht für unser Magazin aktiv ist, arbeitet er im Verlag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder schreibt an seinem Blog. Immer wieder könnt Ihr Frederic auch bei Quotenmeter.FM hören. Bei Twitter ist er als @FredericSrvts zu finden.
«Echolot» heißt der Fall, bei dem das Start Up um Nessa und den lässigen jungen Entrepreneur-Typen Kai Simon in den Fokus rückt. Vanessa Arnold nämlich starb, weil die Steuerungssoftware ihres Autos manipuliert wurde, obschon es zunächst so aussah, als hätte es kein Fremdverschulden gegeben. Schließlich lag sie alleine am Straßenrand. Doch das Lenkradschloss war eingerastet, die Airbags lösten nicht aus. In Zeiten von selbstfahrenden Autos und manipulierter Abgassoftware aber ist der Schritt zu beeinflusster Steuerung und Regelung wohl kaum mehr weit. Wer aber hätte Interesse am Tod von Vanessa Arnold gehabt? Gab es Streit im Unternehmen kurz bevor Nessa gelauncht werden sollte?

Voll digitale Erkenntnisse, die an der Oberfläche kratzen


Die Idee also, sie ist zweifelsohne interessant, weil die Motive letztlich vielschichtig sind. Nur leider macht die Produktion aus dem im Comic Relief dargestellten Einstieg oder der mit Potenzial besetzen Grundidee allzu wenig. So wissen die Kommissare schnell, dass es zwischen den Beteiligten Streit gegeben hat. Aber genauer nachfragen? Wozu denn. Wenn der Vorspann so voll digital ist, dass er statt Adina Vetter gleich Ad1na Vetter schreibt, dann erwartet man als Zuschauer auch digitalen Tiefgang. Doch die Erkenntnisse kratzen an der Oberfläche, mehr als zwei bis drei interessante Ausflüge in die virtuelle Realität gibt es kaum zu sehen.

Zugegeben, wenn sich einer der Unternehmer in eine virtuelle Affäre mit Nessa flüchtet, wo er doch eigentlich auf Vanessa stand, hat das eine gewisse relevante Tragik. Aber wirklich tief führt auch das nicht, sondern soll ein Motiv aufbauschen, das von Beginn an kaum realistisch scheint. Und auch in die Kommissare dringt man dieses Mal nicht wirklich ein, erlebbar werden sie jedenfalls kaum und auch Privates gibt es fast nicht. Immerhin aber transportieren sie das interessiert-verwirrte Eindringen in neue digitale Welten vielfältig. Tatsächlich könnte man mit ihnen neue Dinge entdecken – wenn die Produktion solche denn bieten würde.


Problematisch aber ist vor allem das Ende: Wie eigentlich schon nach wenigen Minuten zu erwarten war, ist der eigentlich Verantwortliche für den Tod von Vanessa kein Mensch. Keine Person hatte ein so starkes Interesse am Ableben der verhinderten Protagonistin, dass er selbst zur Tat schritt. Nein, natürlich war es der Computer selbst. Nicht, dass es diesen Fall nicht so ähnlich erst vor etwa zwei Monaten im «Tatort» gegeben hätte. Problematischer ist viel mehr, dass sich mit den interessanten Fragen nach Verantwortung, Recht und Moral gerade mal in läppischen zwei Sätzen zum Ende auseinandergesetzt wird. „Und wen sollen wir jetzt festnehmen?“ wird dann gefragt. Die Antwort aber fällt nicht weniger lapidar aus und ist dabei noch undifferenzierter als Til Schweiger, wenn er sich zu Gesellschaftspolitik äußert: Der Programmierer hat Schuld. Ja toll. Aber ist es denn so einfach? Darf man die moralische Verantwortung jemandem anlasten, der ein Programm schreiben (und dann im Übrigen wieder löschen) wollte, das eigentlich nur zur Assistenz gedacht war? Kann man eine intelligente Software dazu bewegen, sich an rechtsstaatliche Grundsätze zu halten? Und wenn es nicht gelingt, wo müssen unsere Grenzen sein?

Vielleicht, und das ist schon möglich, soll diese Debatte mithilfe der Produktion entstehen. Vielleicht wird bei «Anne Will» im Anschluss an die Sendung auch zu diesem Thema diskutiert, zumindest um die Arbeit im digitalen Zeitalter soll es gehen. Nichtsdestotrotz sollte der Film, der von vielen auch isoliert betrachtet werden wird, wenigstens einen Ansatz bieten solcherlei Fragen zu beantworten. Schon klar, eine abschließende Klärung wird es vermutlich auch in den kommenden Jahrzehnten kaum geben können. Aber den Versuch im Film quasi zu unterlassen grenzt an unterlassene Hilfeleistung. Dass der Film als solcher dabei weder besonders lange die Spannung hält noch besonders originell in seiner Betrachtung wirkt, hilft der Produktion zusätzlich kaum. Für ein Machwerk, das sich mit der Zukunft auseinandersetzen will, ist das jedenfalls durchaus reaktionär.

«Tatort: Echolot» gibt es am Sonntag, 30. Oktober um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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