Die Kritiker

«Spreewaldkrimi – Die Sturmnacht»

von

Nicht das «Blair Witch Project» steht beim ZDF auf dem Programm, sondern das «Spreewald Nix Project». Wir sagen, ob sich das Einschalten lohnt.

Cast und Crew

  • Regie: Christoph Stark
  • Darsteller: Christian Redl, Thorsten Merten, Luise Heyer, Pit Bukowski, Julius Feldmeier, Malina Ebert, Norbert Stöß, Lina Wendel, Sammy Scheuritzel, Claudia Geisler, Rike Schäffer, Volkmar Kleinert, Josef Heynert, Antonia Bill, Samia Chancrin
  • Drehbuch: Thomas Kirchner
  • Kamera: Frank Blau
  • Musik: Thomas Osterhoff
  • Szenenbild: Anne Schlaich
  • Kostüm: Petra Fichtner
  • Schnitt: Manuel Reidinger
Die ZDF-Krimireihe «Spreewaldkrimi» hält zwar nicht immer das, was ihre Ambitionen versprechen. Aber allein schon, dass ausgerechnet ein Spreewald-Lokalkrimi des ZDF wieder und wieder mit großem Selbstanspruch aus dem Genreallerlei herausbricht, ist lobenswert. Erst recht, da die gelungenen Ausgaben dieser unregelmäßig fortgeführten Marke waschechte Volltreffer darstellen – wie etwa der einfühlsame, hochspannende Fall «Mörderische Hitze» aus dem Frühjahr 2014. Der Herbst-Fall desselben Jahres war daraufhin zwar mit seinen oberflächlichen Motiven eine umso herbere Enttäuschung, dafür rappelt sich der «Spreewaldkrimi» nun wieder auf. Das brillante Niveau der morbiden, schwitzigen Sommerromanze wird zwar nicht ganz erreicht, trotzdem entwickelt Thomas Kirchners verschachteltes Spiel mit mehreren Erzählebenen eine soghafte Wirkung.

Die drei Filmstudenten Mirko, Laura und Dennis drehen im Spreewald einen experimentellen Horrorfilm. Dieser hat zwei Inspirationsquellen: Zum einen die sorbische Sage vom Nix, einem Wassermann, der mit Frau, Töchtern und Söhnen in den Wassern des Spreewaldes haust. Zum anderen verarbeiten sie das nie aufgeklärte Verschwindens zweier Frauen genau hier, im schattigen, dichten Wald Ostdeutschlands. Im Mittelpunkt der Handlung des in kontrastreichem Schwarz-Weiß gedrehten Films steht das Trio selbst, dessen fiktionalisiertes Ich davon ausgeht, dass der Nix in einem Moment der Kränkung die beiden Frauen in sein nasses Reich gezogen hat. Doch dieses ehrgeizige Studentenprojekt wird nie beendet – denn auch die Filmnovizen verschwinden, als seien sie vom Erdboden verschluckt.

Zurück bleibt allein ihr Laptop, inklusive der bereits abgedrehten Szenen. Kommissar Krüger nutzt diese als Hinweise, um die verschollenen Studenten zu finden und vielleicht auch den von ihnen behandelten Vermissten-Fall zu lösen. Dabei erhält er, zunächst widerwillig, Unterstützung durch seinen Assistenten Fichte und eine polnische Putzfrau. Krüger glaubt, einen guten Ansatz gefunden zu haben. Aber als eine verhängnisvolle Sturmnacht hereinbricht, droht alles den Bach herunter zu gehen …

Die Anlehnungen an «Blair Witch Project» sind offensichtlich, wobei Regisseur Christoph Stark und Drehbuchautor Thomas Kirchner glücklicherweise davon absehen, sich direkt beim Found-Footage-Klassiker zu bedienen. Die drei Filmstudenten sind eigenständig gezeichnet, und auch wenn die Atmosphäre derer Filmclips zuweilen an den Sensationserfolg erinnert, so kopiert Stark niemals die ikonische Bildsprache dieser Inspirationsquelle. Hinzu kommt, dass dieser «Spreewaldkrimi» das markante Spiel mit den Zeitebenen, welches diese Reihe ausmacht, dank des pseudodokumentarischen Films-im-Film mit Esprit und Vehemenz auf die Spitze treibt.

Die Zeit- und Realitätsebenen sind in diesem dichten, raffinierten Neunzigminüter eng verknüpft, die Wechsel zwischen ihnen erfolgen abrupt und mit rein assoziativen Überleitungen. Ein „Nebenherkrimi“ mit viel Leerlauf, um dem Zuschauer Atem- oder Pinkelpausen zu erlauben, sieht gänzlich anders aus. Kirchner und Stark trauen ihrem Publikum Anspruch zu, und entlohnen es für seine Aufmerksamkeit mit einem hypnotischen Krimipuzzle, das sich in das atmosphärische Kleid einer Schauergeschichte kleidet.

Der Spreewald ist in den Bildern des Kameramanns Frank Blau stets klamm, herbstlich-kühl und von einem schneidendem Wind durchzogen. Orientierung ist in diesem blau-grau-schwarzen, nassen Dickicht kaum möglich, womit die Bildästhetik und das Storytelling Hand in Hand gehen: «Die Sturmnacht» ist ein komplexes, einfallsreiches Labyrinth, ohne je die pseudo-philosophischen Tricks anzuwenden, durch jene die schwächeren Ausgaben dieser Krimireihe solche Enttäuschungen wurden.

Der Schlüssel zu einem gelungenen «Spreewaldkrimi», das scheint sich allmählich abzuzeichnen, ist wohl ein zurückhaltendes Einsetzen der von Christian Redl gespielten Ermittlerfigur. Redl macht seinen Job dann am besten, wenn er sehr gezielt in die kniffligen, stimmungsreichen Krimigeschichten versetzt wird. Als Geheimwaffe, die nicht im Mittelpunkt steht, sondern mit seiner grüblerisch-feinfühligen Art den Plot ganz beiläufig vorantreibt. Genau dies ist in diesem Krimi wieder der Fall, weswegen die betrüblich-schwierige Ermittlerarbeit so erfrischend anders vonstattengeht als in „normalen“ Lokalkrimis – daran kann auch die überzeichnete polnische Putzfrau nichts rütteln. Erst recht, weil das Trio an Filmstudenten so schön schwer zu durchschauen ist. Insbesondere der charakteristische, 27-jährige Pit Bukowski gibt in diesem multimedialen, multiperspektivischen Verwirrspiel unaufdringlich-effektiv Rätsel auf.

Da sich all dies vor dem Hintergrund schmutziger Wassermassen, versumpfter Wiesen und tiefem Schlamm abspielt, und die Schicksale der verschollenen Figuren mit dunkler Traurigkeit erzählt werden, gleicht dieser Fernsehkrimi einer barocken Ballade. Genauer gesagt einer heutigen Ballade im Barockstil, die sich mit ihrem Film-im-Film-Stilmittel gezielt an ein medienaffines Publikum richtet. So experimentierfreudig, ohne selbstverliebt zu sein, darf es im deutschen Fernsehkrimi gerne häufiger zugehen!

Fazit: «Spreewaldkrimi – Die Sturmnacht» ist eine Barockballade für das Multimediapublikum: Düster, traurig, knifflig und komplex.

«Spreewaldkrimi – Die Sturmnacht» ist am 22. November ab 21.45 Uhr bei ZDFneo zu sehen, sowie am 23. November 2015 ab 20.15 Uhr im ZDF.

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