First Look

«Mom»

von

Bei den Quoten fällt die neue Chuck-Lorre-Serie bisher glasklar durch. Unser Kritiker Julian Miller hält sie dagegen für einen der besten Neustarts der bisherigen Saison.

Prognose zur Überlebenschance

Die Premiere ging mit 6% Prozent Marktanteil in der Zielgruppe und mageren 2,5 Ratingpunkten voll in die Hose. Eine Woche später sank der Marktanteil in der Zielgruppe sogar noch auf klägliche 5%, wohingegen man wenigstens die absoluten Zuschauerzahlen ausbauen konnte. An Boden verlieren darf das Format keinesfalls, zumal mit «Mike & Molly» ja schon ein Joker parat steht. Jetzt kommt es auf den Namen Chuck Lorre an - er könnte für eine gewisse Schonfrist sorgen. 20%
Manuel Weis und Julian Miller, Quotenmeter.de
Eine völlig verheulte Anna Faris («Scary Movie») nimmt in einem schicken Restaurant Bestellungen auf. Warum es ihrer Figur, der Anfangdreißigerin Christy, so dreckig geht? Einer der Gäste hat sie vor ein paar Minuten „eine gute Kellnerin“ genannt. Eine Epiphany.

Denn der Lebensplan war ein anderer: Sie wollte nach der High School Psychologie studieren, Karriere machen. Daraus wurde nichts. Christy wurde schwanger. Ihre Tochter, Violet (cute gespielt von Sadie Calvano), ist heute sechzehn – und zu Moms Beunruhigung geht seit kurzem auch ein durchtrainierter Teenage-Boy im All-Girls-Haushalt ein und aus.

Ohnehin: Die „schiefe Bahn“ scheint in der Familie zu liegen. Auch Christys Mutter Bonnie (Allison Janney, «The West Wing») bekam schon in sehr jungem Alter ihre Tochter. Und das war noch das kleinste Problem: Bonnie war jahrelang alkohol- und drogensüchtig. Mit den üblichen abstrusen Chuck-Lorre-esken Verrenkungen, versteht sich: Monologe darüber, wie sie vor zwei Jahrzehnten einmal eine kanadische Kindertagesstätte geleitet hat, die als Frontorganisation für die Mafia gedacht war, gehören dazu.

Christy schlug schließlich einen ähnlichen Weg wie ihre Mutter ein. Bis beide, unabhängig voneinander, die Reißleine gezogen haben. Seit einigen Wochen treffen sich Mutter und Tochter nun bei Sitzungen der Anonymen Alkoholiker.

Der Humor ist, wie bei den meisten Formaten aus der Chuck-Lorre-Schmiede, eher Geschmackssache: nicht so feingeistig wie ein «Frasier», nicht so selbstreferentiell wie ein «Seinfeld», nicht so modern wie ein «Modern Family» – und im Vergleich zu seinen anderen Serien nicht so nerdig-verschroben wie «The Big Bang Theory», aber auch lange nicht so derb wie «Two and a Half Men».

Konzeptuell mag sich das vielleicht alles nach Schnee von gestern anhören. Und in der Tat funktioniert «Mom» als Sitcom auch sehr klassisch, mit punchlinebeladenen Dialogen und so mancher Slapstickeinlage.

Das gewisse Etwas, das den Drehbüchern zumindest in den bisher ausgestrahlten Folgen fehlt, liefert der Cast: Alle Darsteller bestechen durch eine große Spielfreude und hervorragendes Timing. Dialoge der Marke „Während andere Mütter Abendessen gekocht haben, hast du Crystal Meth gekocht“ – „Das nennt man auch 'arbeiten'“, die auf dem Papier wohl eher mittelmäßig klingen würden, werden bei Anna Faris und Allison Janney regelrechte Brüller.

Chapeau auch dafür, dass man die Stärke der Familiensitcom gegenüber anderen Subkategorien des Genres nutzt und sich hin und wieder auch an eher herzerweichende als humoreske Szenen traut, die in all den Lorre-haften Überzeichnungen als erdender Ruhepol fungieren. Gleichzeitig wird das Hugging and Learning nie penetrant; der amerikanische Pathos, dem sich Mütter und Töchter manchmal ergeben, ist in seiner Authentizität stets sehr angenehm. Und das Maß zwischen Comedy und Warmherzigkeit, gespickt mit ein paar Anklängen an (zumindest in den USA) sensible Themen, stimmt vollends.

All das macht «Mom» zu einem der besten Comedy-Neustarts der bisherigen Saison. Das Publikum jenseits des Atlantiks nimmt die Serie jedoch bisher so gar nicht an.

Das wird wahrscheinlich auch bei ProSieben enttäuschen. Schließlich hätte sich die Sitcom wohl hervorragend in das bestehende Line-Up eingefügt.

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