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Bye, Bye Günter Netzer! 13 Jahre voller Fachkompetenz & Leidensfähigkeit

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Nach dem Spiel um Platz Drei bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika war Schluss: Günter Netzer verließ die ARD nach dreizehn Jahren.

Dreizehn Jahre lang konnte der gemeine Fußball-Fan bei den TV-Übertragungen rund um die deutsche Nationalmannschaft im Ersten schmunzeln und gleichzeitig fachliche Analysen auf hohem Niveau erleben. Nun ist dies Geschichte. Günter Netzer verlässt die ARD, runder Abschluss in Südafrika. Bye, Bye Netzer! Auch wenn man es kaum glauben mag, aber auch Gerhard Delling wird seinen Moderationspartner, mit dem er noch bis vor Kurzem von der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 für das Erste berichtete, vermissen, wenn er künftig die gezeigten Partien zwischen Vorbereitung sowie Europa- und Weltmeisterschaft nicht mehr mit dem Seitenscheitel-Tragenden analysieren muss. Der Fußball-Experte war für ihn in der Verkörperung der beiden «Muppet-Show»-Figuren im ARD-Studio immens wichtig. Mit Netzer hat Delling hoch angesehene Preise abgeräumt, darunter den Grimme-Preis. Begriffsstutzigkeit und das gewollte Missverständnis in Verbindung auch mit einer bissigen Wortschlacht im Unterton brachten den beiden ARD-Modertoren die Auszeichnungen und auch jede Menge Lob und Beliebtheit bei den Fernsehzuschauern. Immer wieder wenn Netzer und Delling vor der Kamera strikt beim „Siezen“ blieben, gar verbal aneinander gerieten oder die Abneigungen des anderen gegenüber offen in der Live-Sendung bekundeten, hatte das gleichauf eine Unterhaltungswert für den Fußball-Fan vor der Mattscheibe. Wesentlichen Anteil daran hatte Günter Netzer, der nicht nur mit seiner Frisur den TV-Zuschauer in seinen Bann zog. Es waren auch die Versprecher, die gewollten Verbal-Attacken auf Delling, aber eben – und das im weit bedeutenderem Maße – auch die kompetenten, detaillierten und meistens immer sehr richtigen Analysen der Fußball-Spiele.

Dafür allein gebührt es schon „Danke“ zu sagen – für dreizehn Jahre geballtes Fußballwissen gepaart mit Entertainment-Qualitäten, die sonst kein Sportmoderatoren-Duo im deutschen Fernsehen aufbieten konnte. Danke, Günter Netzer für viele unvergessliche TV-Momente. Denn schließlich ist sein Abschluss auf dem Südafrika auch ein Schlussstrich unter ein Kapitel deutscher Fernsehgeschichte. Denn mit der einzigartigen Art und Weise ihrer Moderation haben Netzer und Delling wahrhaftig Fernsehgeschichte geschrieben. Es war nicht immer ein rühmliches Kapitel, doch gleichbleibend war es gradlinig und unterhaltend. Bis zum Schluss blieben sie ihrer Linie treu, eine sehr erfolgreiche Linie, die auch ihren öffentlich-rechtlichen Sender das ein oder andere Mal Stolz gemacht haben wird, das beliebteste Sportmoderatoren-Duo unter seinen Fittichen zu haben. Sie waren sogar das Traum-Duo im deutschen Fernsehen seit «Ernie und Bert». Vor der Kamera hatten sie sich nie lieb, doch sobald diese ausgeschaltet war, konnten sie durchaus professionell miteinander umgehen, wie immer wieder beteuert wurde. So war die freizügig offenbarte Antipathie auch ein stückweit im Konzept der Inszenierung ihrer selbst verankert. So hatte Delling auch nur das Wort „Danke“ herausgebracht, als Netzers dreizehnjährige Präsenz im Ersten an seiner Seite zu Ende ging. Eine sehr eloquente Dankesrede von Netzers Kommentatoren-Kollegen, doch viel mehr hatte er ohnehin nicht erwarten können als er am Samstagabend beim „kleinen Finale“ der deutschen Nationalmannschaft gegen Uruguay zum letzten Mal für die ARD kommentierte.

Glücklicherweise für Netzer war sein «Sportstudio»-„Freund“ Delling aber nicht der einzige Gratulant. Selbst der Bundestrainer Jogi Löw widmete Netzer einige Worte bei seinem ausführlichen Interview nach dem Spiel um den dritten Platz bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Auch der „Kaiser“ des Fußballs krönte Netzer. Franz Beckenbauer unterzog mit seinem Kommentar die „Leidensfähigkeit“ seines ehemaligen Mitspielers einer letzten Probe, als er sagte Netzer sehe man es deutlich an, dass er älter sei – Beckenbauer ist ein Jahr jünger als Netzer (Jahrgang 1944). In dieser Reihe hochrangiger Gratulanten fällt es natürlich schwer noch weitere, bedeutende Worte zu Günter Netzers Abschied zu finden, die am Besten noch nicht gefallen sind. Ein schier unmögliches Unterfangen, denn Netzer war mit dem Abschied von der ARD das Gesprächsthema, der Mann der Stunde – bei manchen Fernsehzuschauern sogar das Thema der Woche. Soviel ist klar: Nicht wenigen Zuschauern wird er jetzt schon fehlen – noch mehreren, wenn er bei der ersten Fußball-Übertragung rund um die Nationalelf im Ersten fehlt. Aufgreifen wollen wir an dieser Stelle aber noch einmal die Sache mit der „Leidensfähigkeit“. Dies schnitt Netzer schon vor seinem letzten ARD-Auftritt an: „Ich musste viel ‚Leidensfähigkeit’ in dieser langen Zeit aufbringen und bin glücklich darüber, diese Prüfung bestanden zu haben“, hatte der Fußball-Experte sinngemäß verlauten lassen. Damit meint er sicherlich auch die vielen Sticheleien seines Kollegen Gerhard Delling und das zwischenzeitliche Hin und Her bei den Moderationen. Wenn der eine mal wieder nichts kapierte, war es dem anderen ohnehin egal. Witz, Selbstironie und eine gute Pointe gehörten aber jedes Mal dazu. Auf sechs DVDs kann Günter Netzer sich alles noch einmal anschauen. Delling drückte sie ihm in die Hand – ein „Best of“ der lustigsten, kuriosesten Sprüche auf beiden Seiten, aber auch Höhepunkte der fachlichen Analysen.

Doch nicht nur Videomaterial bekam Netzer zum Abschied, auch Blumen von den Mitarbeitern im Studio. Geburtstagfeier und Jubiläum am gleichen Tag. Doch um einen solch verdienten Mitarbeiten zu verabschieden, war das vielleicht für manchen zu wenig, doch hatte die Schlichtheit des Abschieds auch ein Charakteristika des Günter Netzers: Denn die Sympathie war ohnehin irgendwie auf seiner Seite und viel Wind machte er auch nie um eine Sache, auch wenn er manchmal kräftig schimpfen musste, so war es doch Minuten später wieder der ruhige, sachliche Analytiker, den die Fußball-Fans mochten. Die große Show hatte Netzer nie zu bieten und trotz des teilweise einseitigen Delling-Bashings war zwar hin und wieder ein guter Spruch dabei, der auch prompt saß, doch ansonsten beschränkte sich Netzer auf intellektuelle Aussagen zum Fußballspiel statt. Und die fachliche Trefferquote von Günter Netzer konnte sich wahrlich sehen lassen, so dass schnell klar war, wer etwas von Fußball versteht. Der ehemalige deutsche Fußballprofi von Borussia Mönchengladbach und Real Madrid wurde nicht nur 1972 Europameister sowie 1974 Weltmeister dieses Sports, sondern avancierte mit seinem geballten Wissen auch zum Medienunternehmer in Sachen Sportberichterstattung, welche Aufgabe er in dreizehn Jahren mit Bravour gemeistert hat. Also Fußball-Experte hat er für die ARD Fernsehgeschichte geschrieben – nun wird er sich neue Aufgabe suchen. „Ich habe genug geredet“, waren Netzers letzten Wort. On Air im Ersten. Doch die letzten werden es hoffentlich nicht bleiben, denn auf Netzers Fußballkommentare wollen wir nicht verzichten – wenn auch nicht für das Erste.

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