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Deutsche Serienkrise: War da was?

von   |  34 Kommentare

Vor Jahren bewunderten wir den US-Serienboom – und ärgerten uns darüber, dass aus Deutschland kaum gutes Serienfernsehen kam. Spätestens in diesem Jahr ist damit Schluss, dank «Charité», «You Are Wanted» und kommenden Produktionen. Die „neue deutsche Serie“ kommt.

Erinnern Sie sich noch an diese Namen? «Verschollen», «R.I.S. – Die Sprache der Toten», «Die Sitte», «Post Mortem», «GSG9», «Klinik am Alex».

Eine kurze Gedankenauffrischung: Diese Serien (und viele andere) stehen für Ideenarmut und Stillstand bei der deutschen Serie. Es waren Jahre ab Mitte der 2000er, die einen deutschen Flop nach dem nächsten hervorbrachten, bis die Sender selbst keine Lust mehr auf neue Stoffe hatten. Man könnte diese Jahre auch als die verlorenen Jahre bezeichnen. Denn als in den USA das Seriengenre durch die Decke ging und die TV-Landschaft nachhaltig veränderte, blieben Entwicklungen in Deutschland zum großen Teil aus. Irgendwann kam dann Sat.1 mit den neuen Publikumslieblingen «Danni Lowinski» und «Der letzte Bulle»; sie brachten Frische ins Genre. Bis zur endgültigen Renaissance der hochqualitativen deutschen Serie sollte es aber noch einige Zeit dauern – jetzt befinden wir uns mittendrin.

Spätestens seit 2013, als Netflix mit ersten Eigenproduktionen viel Lob und Kunden einheimste und auch Amazon in das Geschäft einstieg, mussten die deutschen Serienmacher reagieren. Und das taten sie hinter den Kulissen, wenn auch spät. Dass nur langsam in diesem Jahr die Früchte dieser Arbeit auf die Bildschirme kommen, liegt an mehreren Dingen. Es musste Infrastruktur geschaffen werden für hochqualitative Serienstoffe: Sender wollten überzeugt werden, große Budgets in die Hand zu nehmen, und prominente Namen wurden angeworben. Beispielsweise Moritz Bleibtreu, Matthias Schweighöfer und Tom Tykwer. Auch die Produktionsbedingungen hat man teilweise amerikanischen Verhältnissen angepasst, beispielsweise mit einem writing staff statt eines einzelnen Drehbuchautors. Den Begriff Showrunner vermissten wir in Deutschland ebenfalls oft – beim großen Projekt «Babylon Berlin» wird Tom Tykwer beispielsweise explizit als solcher genannt. Auch, damit die Produktion internationales Echo erfährt.

Ein zweiter Punkt ist entscheidend, wenn es um den Start der „neuen deutschen Serien“ in diesem Jahr geht: Der Konkurrenzkampf ist hoch, und das angesichts eines wachsenden Interesses am Genre. Dies lässt sich nicht nur ablesen an jüngeren Erfolgen wie «Charité» oder «Club der roten Bänder», sondern generell am anhaltenden Serienboom, auf dem Netflix mittlerweile sogar sein Geschäftsmodell aufbaut.

Noch nie so viele hochwertige deutsche Formate wie 2017


Exklusiver Seriencontent ist wichtig, und damit die klassischen Sendervertreter diese Zielgruppe nicht vollends an Streaming-Anbieter verlieren, sind sie selbst ins Geschäft eingestiegen: RTL, ARD, ZDF, Sky und VOX. Amazon und Netflix produzieren ihrerseits Serienstoffe aus deutschen Landen, das erste ist mit «You Are Wanted» erfolgreich angelaufen und wurde bereits verlängert. «Deutschland 86», der Nachfolger des RTL-Formats «Deutschland 83», wird ebenfalls 2018 dort laufen. Netflix stellt zwei deutsche Stoffe her, das gegen Ende des Jahres startende «Dark» sowie eine jüngst angekündigte Cop-Serie namens «Dogs of Berlin».

2017 ist das Jahr der „neuen deutschen Serie“. Denn noch nie starteten so viele vielversprechende und hochwertige Formate wie in diesem Jahr. Das angesprochene «You Are Wanted» beispielsweise, das angesichts der riesigen Erwartungen auch Kritik erntete, aber auf der Habenseite viel Positives verbuchen konnte: dichte Erzählweise, moderner Schnitt, starke Charakterisierung, Spannung. Und hohe Abrufzahlen. Auch die große ARD-Produktion «Charité» war in diesem Jahr mit durchschnittlich 7,5 Millionen Zuschauern ein voller Erfolg und gilt als erfolgreichste neue deutsche Serie seit vielen Jahren. Später im Jahr startet noch Netflix‘ «Dark», und im Oktober schließlich das Prestigeprojekt «Babylon Berlin», an dem seit Jahren gearbeitet wird. Es ist die teuerste deutsche Serienproduktion aller Zeiten, für Sky ist ihr Start das wichtigste Ereignis des Jahres, wie Sky-Deutschland-Chef Carsten Schmidt erklärte. In der ARD läuft das Format erst Ende 2018.

In ganz so großen Sphären wollen die anderen Sender nicht denken, und manche verschließen sich dem Trend nahezu komplett. Beispielsweise ProSieben und Sat.1, die eine ambivalente deutsche Serienvergangenheit haben. Besonders Sat.1, früher als der Sender für erfolgreiche moderne Krimiserien wie «Wolffs Revier» bekannt, traut sich nur wieder zaghaft ans Genre. Viele Flops haben sich in der Vergangenheit angehäuft, das Anfang des Jahres gezeigte «Einstein» mit Tom Beck gehörte nicht dazu. Eine zweite Staffel ist bestellt. Dennoch bleibt rätselhaft, warum der ehemalige Krimisender Sat.1 dieses Feld vor allem dem ZDF überlässt, das tagtäglich und am Samstagabend hohe Zuschauerzahlen mit der Programmfarbe einfährt. Dass der Erfolg nicht nur mit hochqualitativer und komplexer deutscher Serienkost kommen muss, zeigt auch RTL. Dort gab es gleich mehrere neue Sitcom-Eigenproduktionen, von denen «Magda macht das schon» zum vollen Erfolg wurde und Jochen Busses «Nicht tot zu kriegen» zumindest respektable Zahlen einfuhr.

Von einer deutschen Serienkrise kann im Jahr 2017 also nicht mehr die Rede sein, im Gegenteil. Die Zuschauer haben wieder Gefallen gefunden an heimischen Stoffen, weil diese genügend originell und ideenreich daherkommen. Vielleicht brauchte es eine Krisenzeit wie die vor einigen Jahren, damit die deutsche Serienproduktion den Reset-Knopf drücken konnte.

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Es gibt 34 Kommentare zum Artikel
Sentinel2003
30.04.2017 14:30 Uhr 1
Der US - Serien Boom ist aber noch immer vorhanden.....es haben Sich jetzt aber gute, neue, Deutsche Serien dazu gesellt!
Kalinkax
30.04.2017 18:20 Uhr 2
die Serie "Tempel" hätte ich gerne in einer 2. Staffel gesehen

aber der Sender NEO und die kleingestückelten Folgen haben den Gar aus gemacht

am Anfang fand ich auch zuviel reingepackt............ aber es wurde immer besser und das Ende war schlimm
DerHans
01.05.2017 00:26 Uhr 3
Die gute deutsche Serie ist wohl diejenige, die sich an den tonangebenden US-Produktionen messen kann.

Was die im Artikel gepriesenen "heimischen Stoffe" ausmacht ist ihre Nähe zum amerikanischen Übermaß- es muss immer schöner werden, die Drehbücher immer dichter, der Schnitt moderner, die Charakterisierungen prägnanter usf.
Familie Tschiep
01.05.2017 00:53 Uhr 4
Für mich können viele der hier erwähnten Serien nicht mit den amerikanischen, britischen, belgischen oder skandinavischen Serienperlen mithalten, was die Qualität der Drehbücher und die Lust am Experiment angeht.

Ich setze große Hoffnung auf Babylon Berlin.
Sentinel2003
01.05.2017 08:53 Uhr 5
@Familie Tschiep: jepp, auch die Skandinavier können hervorragend Serien......egal, ob Krimi oder Familien - Serie!!
kauai
02.05.2017 08:19 Uhr 6


Ersetze "viele" durch "praktisch alle" und ich kann dem zu 100% zustimmen. Gerade die Skandinavier zeigen für mich deutlich, daß man nicht das Budget einer US-Produktion braucht um etwas Hervorragendes auf dei Beine zu stellen!
Familie Tschiep
02.05.2017 13:29 Uhr 7
Viele, weil es immer mal wieder deutsche Serien gibt, die Qualität haben, wie ein Herz und eine Seele, im Angesicht des Verbrechens, Türkisch für Anfänger oder Mord mit Aussicht, um nur ein paar zu nennen.
Kunstbanause
02.05.2017 13:33 Uhr 8


Nämlich?
Sentinel2003
02.05.2017 15:22 Uhr 9




Ich Sehe beispielsweise sehr gerne die SoKo - Serien!! Dazu die PrimeTime Serien: die Lebenden und Toten, Helen Dorn, Kommissarin Heller, Ein starkes Team, Die Bergretter, Spuren des Bösen, tatort....ich könnte beliebig fortsetzen!!
Kunstbanause
03.05.2017 00:22 Uhr 10
Ich meinte:



Gute, nämlich?



Aber alles klar. Mit solchem Qualitätsfernsehen steht Deutschland natürlich richtig gut da. :lol:
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