Fernsehfriedhof

Der Fernsehfriedhof: Im Seichten kann man doch ertrinken

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Quotenmeter.de erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 149: Die Klatsch-Show mit Jenny Elvers, aus der Desirée Nick gleich zwei Mal herausflog.

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir einer großen Hoffnung, die im kleinen Kreis verpuffte.

«Klatsch TV» wurde am 13. April 2004 in Sat.1 geboren und war eines der Prestige-Objekte des damaligen neuen Senderchefs Roger Schawinski. Dieser hatte sich vorgenommen, dem Kanal mehr Profil verleihen zu wollen und ihn „moderner, relevanter, echter" erscheinen zu lassen. Dazu erhöhte er nicht nur den Anteil an Live-Sendungen, hob das Socialtainment-Experiment «Kämpf um Deine Frau» aus der Taufe, sondern versuchte auch, den von ihm beobachteten Mangel an Promi-Geschichten zu beseitigen. "Ich war erstaunt, dass es diese Lücke im deutschen Fernsehen noch gibt. Das Interesse an «Klatsch TV» ist schon im Vorfeld riesig, viele Prominente haben Lust darauf“, begründete er damals seine Entscheidung. Wie sehr ihm diese Angelegenheit am Herzen lag, zeigte allein die Tatsache, dass er die Show «Franklin» um eine Stunde vorverlegte und dadurch die jahrelang etablierte Talkschiene aufbrach, bloß um dem neuen Projekt einen Slot im täglichen Vormittagsprogramm um 11.30 Uhr geben zu können.

Mit der großen Aufgabe, die von Schawinski erkannte Leerstelle zu füllen, wurde die selbsternannte Society-Expertin Sibylle Weischenberg betraut, die zuvor jahrelang im «Sat.1 Frühstücksfernsehen» das Treiben der Stars kommentiert hatte. Weil sich ihre Rubrik äußerst beliebt zeigte, war es nur logisch, Weischenberg ebenso in die eigenständige Klatsch-Reihe einzubinden. Ihr kam dabei jedoch nicht die Rolle der Moderatorin zu, sondern abermals der Expertin. Als Präsentatorin wurde hingegen die Schauspielerin Jenny Elvers (noch unter dem Namen Elvers-Elbertzhagen) verpflichtet, die auf diese Weise quasi die Seiten wechselte, stand sie doch zuvor selbst regelmäßig im Fokus diverser Glamour-Magazine. Gänzlich fremd war ihr die Tätigkeit hingegen nicht, denn sie durfte bereits durch das Musikformat «Top of the Pops» und «Big Brother – Das Quiz» führen. Außerdem hatte sie für wenige Wochen die erfolglose Reality-Kopie «Big Diet» von Margarethe Schreinemakers geerbt.

Zusammen mit Sibylle Weischenberg sprach Elvers nun über die wichtigsten Neuigkeiten aus der Welt der Reichen und Schönen und diskutierte neue Promi-Beziehungen, Eskapaden von Stars oder tragische Schicksale von bekannten Persönlichkeiten. Zwar erinnerte das Ergebnis stark an das ZDF-Pendant «Blond am Freitag» mit Ralph Morgenstern, es bemühte sich aber wesentlich ernsthafter und seriöser zu erscheinen. „Wir werden damit nicht provokant sein und nicht unter die Gürtellinie gehen, aber in bester Klatschmanier unseren Job machen“, versprach Elvers vor dem Start.

Ganz ohne Zwischenfälle kam sie trotz dieser Zusicherung nicht aus. Unterstützt wurden Elvers und Weischenberg in ihren halbstündigen Gesprächsrunden nämlich jeweils durch zwei (meist weibliche) Gäste, die ebenfalls in der bunten Kulisse auf den Siebziger-Jahre-Designersesseln Platz nahmen. Darunter war regelmäßig die scharfzüngige Kabarettistin Désirée Nick, die prompt für großen Wirbel sorgte. Nachdem sie in der Live-Show anlässlich des 75. Geburtstags von Harald Juhnke über dessen Witwe sagte, dass diese „gut vom Elend ihres Mannes“ leben könne, flog sie kurzerhand aus dem Repertoire der Gäste heraus und sollte nicht mehr in der Runde auftauchen. Doch als Nick öffentlich erklärte, dass ihr die Äußerung Leid tun würde und sie sich als Bewunderin von Juhnke aussprach, erhielt sie eine zweite Chance. Ihre Rückkehr sollte nicht von langer Dauer sein, denn kurz darauf, warf sie Elvers vor laufenden Kameras vor, dass diese "ständig ihre Beziehungen ausschlachtet", wodurch Nick das zweite Mal aus der Sendung flog. Diesmal endgültig.

Geholfen haben diese aufsehenerregenden Aktionen der Show nicht, denn sie blieb bezüglich der Publikumsresonanz von Anfang an hinter den Erwartungen zurück. Schon zur Premiere am Dienstag nach Ostern schalteten nur rund 540.000 Menschen ein, was einem dürftigen Marktanteil von 7,7 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe entsprach. Diese Werte blieben allerdings keine Einzelheit, denn zweistellige Marktanteile wurden so gut wie nie erreicht. "Es hätte schöner laufen können", fasste die damalige Sprecherin Kristina Faßler die Lage schließlich nüchtern zusammen. Als nach rund drei Monaten und den Skandalen um Désirée Nick weiterhin kein Aufwärtstrend zu erkennen war, erfuhr die Produktion als letzte Rettung eine Neuausrichtung. Ab Mitte Juli wurde dann mehr auf Service, Diätberatung und Styling-Tipps gesetzt. Weil Sibylle Weischenberg zu den neuen Inhalten nicht mehr richtig passen wollte, räumte sie auf eigenen Wunsch ihren Platz als Dauergast und kam nur noch sporadisch vorbei.

Auch dieser Strohhalm half nicht mehr, um das Konzept retten zu können. Mitte September ließ Elvers daher verkünden, dass sie sich zurückziehen werde, um wieder stärker für ihren Sohn da zu sein. Die Führung von Sat.1 ließ sich zu diesem Zeitpunkt erstmal eine Fortsetzung mit einem anderen Gesicht offen, doch als Elvers Anfang Oktober ging, wurde das Format durch Wiederholungen von «Lenßen & Partner» ersetzt. Selbst nach der Absetzung hieß es aus Senderkreisen, dass die Marke so wertvoll sei und deswegen wiederbelebt werden müsse, aber dazu kam es nie.

«Klatsch TV» wurde am 01. Oktober 2004 beerdigt und erreichte ein Alter von 113 Ausgaben. Die Show hinterließ die Moderatorin Jenny Elvers, die sich zunächst wieder verstärkt auf die Schauspielerei konzentrierte. Für ihren Auftritt im Kinofilm «Knallhart» erhielt sie lobende Kritiken – für ihr Mitwirken am RTL-Eventmovie «Der Vulkan» eher nicht. Sibylle Weischenberg blieb indessen bis ins Jahr 2013 die Society-Expertin im «Sat.1 Frühstücksfernsehen», bevor sie sich auch von diesem Posten freiwillig zurückzog. Ihre Nachfolgerin trat ausgerechnet Vanessa Blumhagen an, die zuvor ebenfalls eine der Stammgäste bei «Klatsch TV» gewesen war. Übrigens, die Rivalität zwischen Jenny Elvers und Désirée Nick wurde in den anschließenden Jahren als Fern-Duell in diversen Reality-Wettkämpfen fortgesetzt, in denen beide Frauen (zu jeweils unterschiedlichen Zeiten) teilnahmen. Während Elvers die erste Staffel von «Promi Big Brother» gewinnen konnte, blieb für Nick zwei Jahre später bloß der sechste Platz. Dafür konnte die Kabarettistin im Jahr 2004 die zweite Staffel von «Ich bin ein Star, holt mich hier raus!» als Siegerin verlassen. Für Elvers reichte es im Dschungelcamp von 2016 lediglich für den vorletzten Platz.

Möge die Show in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und widmet sich dann einem Rudel nerviger Ex-Frauen.

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